Pferdehilfe-pro-Equine e.V .
...einfach nur Pferd sein

Artgerechte Pferdehaltung...gibt es das?



Um der Wahrheit die Ehre zu geben:  Es gibt keine „artgerechte“ Pferdehaltung in Menschenhand. 

Von diesem Begriff können wir uns im ersten Satz eines Artikels schon verabschieden. Wir haben die dafür notwendigen Flächen nicht, ebenso wie wir weder die artgerechte Vergesellschaftung noch artgerechte Fütterung bieten könnten. Diese Hürde ist unüberbrückbar und bringt uns in die unrühmliche Lage, für Pferde das geringste Übel der „Haltung“ zu wählen, also so tiergerecht wie möglich, damit unser Pferd auch wirklich Pferd sein kann.

Wenn man sich im Bereich der Pferdehaltung umschaut, begegnen einem verschiedene Haltungsformen. Um das Richtige für das jeweilige Pferd - und nicht etwa für den Reiter - herauszusuchen, bedarf es einem schonungslos ehrlichen Blick auf die natürlichen Bedürfnisse dieses Bewegungs- und Herdentieres sowie die jeweilige Persönlichkeit und den Gesundheitsstatus des Individuums.

Leider ist es auch heute noch so, dass die meisten Pferde einer Haltungsform ausgesetzt werden, die in erster Linie dem Reiter und dem Einstellbetrieb, allerdings nicht dem Pferd die optimalen Bedingungen verschafft. In puncto tiergerechter Pferdehaltung befindet sich die Pferdewirtschaft trotz einiger Fortschritte noch weit entfernt vom für Pferde vertretbaren Standard. Es mangelt dabei nicht an Wissen um die natürlichen Bedürfnisse, sondern eher an der Bereitschaft zugunsten des Pferdes die eigene Bequemlichkeit hinten anzustellen.
Werfen wir einen kurzen Blick auf die gängigen und weit verbreitenden Haltungsformen.







(Fotos: Academia Liberti)




Boxenhaltung

Leider ist diese Haltungsform in der Pferdewirtschaft noch nicht verboten oder ausgerottet. Trotz erheblich verbesserter Kenntnisse bezüglich des natürlichen Pferdeverhaltens, den arteigenen Bedürfnissen und der gesamten Physiologie des Pferdes, vollzieht sich ein aktiver Wandel nur sehr langsam. Die Nachteile für die Gesundheit und das Wohlbefinden des Pferdes liegen auf der Hand und sind auch nicht wegzudiskutieren, geschweige denn zu übersehen.

Boxenhaltung bedeutet, dass ein Lauftier in seiner für die Gesunderhaltung notwendigen Bewegungsfreiheit gestört bzw. erheblich eingeschränkt wird. Der gesamte Pferdeorganismus ist auf ständige Bewegungsmöglichkeit ausgerichtet. Ein Pferd ist immer noch ein Tier der Weite, welches in natürlicher Umgebung weite Strecken zurücklegt und bis zu 18 Stunden am Tag frisst, um den Organismus gesund zu erhalten. Darüber hinaus sind die vom Pferd in einer Box gezeigten Bewegungsmuster unnatürlich angelegt und einseitig, was auf Dauer zu körperlichen Schäden führt. Weiterhin stört die Boxenhaltung die Sozialstruktur eines artgerechten Soziallebens erheblich, so dass die Tiere mit ihren Artgenossen nicht auf natürliche Art & Weise umgehen können. Dazu kommen weitere verheerende Faktoren, die den Pferdeorganismus beeinträchtigen wie z.B. gleichbleibende Temperatur im geschlossenen Stall, zu wenig Frischluft, das ständige Einatmen von Ammoniak und Staubpartikeln sowie Beschäftigungslosigkeit und ein unnatürlicher Fütterungsrhythmus (vom meist unnatürlichen Futter mal ganz abgesehen). Zudem müssen Pferde oft in Boxenreihe stehend mit Nachbarn umgehen, um die sie in natürlicher Umgebung einen großen Bogen machen würden. Nicht alle Pferde verstehen sich gut oder passen zueinander. Der ständige dadurch verursachte Stress und die Ausweglosigkeit (fehlende Fluchtmöglichkeit) führt zu teils gravierenden Störungen.

All das führt dazu, dass Pferde in Boxenhaltung wesentlich anfälliger werden als es ihrer Natur entspricht. Sie neigen zu Erkrankungen der Hufe, Erkrankungen des gesamten Bewegungsapparates, Verdauungsstörungen, verheerenden Verhaltensstörungen, Lungenerkrankungen, Langzeitschäden der Organe, verfrühter Alterung, Depression etc.pp..

Erschreckend ist, dass ein psychisch oder physisch gestörtes Pferd noch als gesund bezeichnet wird, nur weil es sauber und gepflegt erscheint.

Die Haltung eines Pferdes in einer Box ist als tierschutzwidrig anzusehen und blanke Tierquälerei. Uns fehlt das Verständnis, dass sie weiterhin straffrei angeboten werden darf.




Teilweise Boxenhaltung

Die wohl verbreitetste Haltungsform ist die nächtliche Boxenhaltung, der übliche Kompromiss der modernen Pferdewirtschaft. Die Pferde verbringen die Tage auf Paddocks und / oder Weideflächen und die Nächte in Boxen. Diese Haltungsform mag für einige Pferde durchaus tiergerecht und in Abwägung der Vor- und Nachteile für das einzelne Tier in Ordnung sein.

Dennoch stellt sie weder eine pferdegerechte Haltungsform dar, noch kann sie als gesund bezeichnet werden. Für psychisch und physisch gesunde Individuen ist sie schnell gesundheitsschädlich. Die Festsetzung eines Pferdes in einer Box für übliche 12 bis 14 Stunden oder länger ist nicht so  tiergerecht wie man meinen könnte. Meist ist nicht nur der temporäre Bewegungsmangel und die Langeweile ein Problem, sondern es treten auf Dauer – teils abgeschwächt - die gleichen Gesundheitsprobleme auf wie bei der reinen Boxenhaltung.

Wir müssen uns ernsthaft damit auseinandersetzen, dass ein Pferd in einer solchen Haltungsform nicht reel gesund zu erhalten ist. Pferde in dieser gängigen Haltung verbringen mehr als die Hälfte ihres Lebens eingepfercht auf ungefähr 4 x 4 Metern. Weiterhin muss man sich die tägliche Freilaufsituation genau anschauen. Wir sehen zu oft gestresste und /oder gelangweilte Pferde auf trostlosen, zu kleinen Paddocks, die weder natürliche Anreize bieten noch eine ausreichende Größe für die jeweilige Pferdegruppe vorweisen. In diesem Bereich wird oft reine Haltungskosmetik betrieben.

Bequem ist diese Haltungsform in erster Linie für den Betriebsablauf. Weniger Platzverbrauch, höhere Gewinnspanne und weniger Pferde-Management sind hier ausschlaggebend.  

Ausnahmen bestätigen allerdings hier die Regel. Alte, physisch oder psychisch schwache, chronisch oder akut erkrankte Tiere können von dieser Haltungsform wie schon erwähnt durchaus profitieren. Es sollte also immer eine Einzelfallentscheidung bleiben. Wir müssen uns bei der Entscheidung, die wir für unsere Pferde treffen, der sie vollkommen ausgeliefert sind, nur eine einzige wichtige Frage stellen und sie ehrlich beantworten: „Was tut meinem Pferd wirklich gut?“ Daran dürfen wir und die gesamte Pferdewirtschaft gerne noch arbeiten. 



 












 







Offenstallhaltung

Ein ungestörtes Sozialleben im Sozialverband auf großen, gepflegten Flächen mit Witterungsschutz und einem vielfältigen Nahrungsangebot ist das „gerechteste“, was eine Pferdehaltung in Menschenhand leisten kann. Die Tiere verbringen den Tag und die Nacht in ihrem eigenen Rhythmus, bewegen sich genug, ruhen wenn es für ihren Organismus zuträglich ist und sind allen natürlichen Faktoren ausgesetzt, die zur Gesunderhaltung beitragen. Ständige klimatische Veränderungen gehören ebenso dazu wie eine sich durch natürliche Bedingungen verändernde Bodenbeschaffenheit und ein gesundes, wechselndes Nahrungsangebot entsprechend der Jahreszeiten. Frische Luft, ständiger Bewegungsreiz und natürliche Körperhaltung bei der Nahrungsaufnahme vom Boden, ein nahezu ungebremster, dem Tier entsprechend ausgesuchter Sozialkontakt im Gruppenverband, all das hält den organischen Aufbau eines Pferdes fit und gesund sowie sein psychisches Befinden ausgeglichen. 

Dennoch ist Offenstall nicht gleich Offenstall. Leider wird hier oft am falschen Ende gespart oder schlicht durch Unwissen falsch gemanagt. Wir sehen viele schlechte und für Pferde ungesunde und stressbeladene Offenstallhaltungen, die dem Anspruch der Tiere nicht genügen. Falsche Böden, zu wenig Platz, zu wenig Fressplätze (Heuraufen), zu wenig Ruheflächen, falsch angelegte Laufwege etc.pp. Wir begegnen Pferden, die nahezu ständig müde, gereizt und/ oder enorm verängstigt sind, weil der knappe Raum oder auch dessen Einteilung in der Pferdegesellschaft zu aggressivem Verhalten führt, bei dem schwächere Tiere ausweglos das Nachsehen haben. Auch eine Offenstallhaltung muss gut durchgeführt und durchdacht sein, so daß jedem Tier ein harmonisches Leben mit seiner Um- / Mitwelt möglich ist.  

Wir freuen uns sehr darüber, dass sich im Bereich der Pferdehaltung weiterhin noch Vieles zum Positiven für die dort lebenden Tiere entwickelt. Wir sind endlich weg von Ständerhaltung oder Anbindehaltung, aber wir sind noch nicht dort angekommen, wo unser Respekt vor der Natur des Pferdes uns hinführen müsste. Da ist noch viel Luft nach oben. Luft, die unsere Pferde brauchen.



BTW: Auch ich kämpfe seit vielen Jahren mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der Haltung & Fütterung und bin noch längst nicht dort angekommen, wo ich für das Wohl meiner eigenen Pferde gerne hin möchte. In meinem Fall liegt allerdings nicht die Erkenntnis auf Eis, sondern die Möglichkeit auf dem Markt das Richtige zu finden. Mein Gestaltungsfreiraum ist derzeit noch sehr geschwächt. Ich kann beobachten, dass meine Pferde sich wohl fühlen, aber auch dort ist noch viel „Luft nach oben“. Ich arbeite daran und freue mich jeden Tag darüber, dass immer mehr Menschen genau dasselbe tun...sie arbeiten selbstkritisch daran und verharren nicht im bequemen Status Quo.

Nico